Draußen sein

Okt. 3, 2024 | #lesung, #personal

von Franz Scholles

Der Wind, die Sonne, der Regen, die Ahr – dies ist Siggis Welt. Entsprechend begeistert ist er übers Konzept der „Offenen Gärten“. Gleich zur ersten Veranstaltung macht er sich auf den Weg nach Insul. 

Draußen ist Siggi schon als Junge. Obwohl Einzelkind, ist er sich weitgehend selbst überlassen. Siggis Mutter hat mehrere Putzstellen und somit neben dem eigenen Haushalt viel zu tun. 

Damals ist Siggi jeden Nachmittag draußen. Zum Fußball und Tischtennis oder zum Cowboy & Indianer Spiel auf dem Berg und Abhang hinter dem Haus. Seiner Mutter gefällt der Straßenjunge. Nicht einmal beschwert sie sich, wenn Siggi jeden Abend vollkommen verdreckt nach Hause kommt.

Siggis Vater ist von Beruf Spaziergänger. Offiziell nennen seine Chefs ihn allerdings „Städtischer Anlageschütz“. Als Geher ist er gemächlich. Die Arme auf dem Rücken verschränkt, schreitet er aus. Dabei wählt er seine Wege so – beruflich und später privat – dass er möglichst niemanden begegnet. Die Natur genügt ihn. Damals, als junger Mann, findet Siggi diese Lebensweise befremdlich. Heute ist es auch seine tägliche Gewohnheit. 

Zwischenzeitlich ist Siggi Stubenhocker, während der Lehre, dem Studium und Arbeitsleben. Endlich, in seiner berufsfreien Zeit, treiben die Wurzeln aus der Kindheit heitere Blüten. Wichtig ist für den Berufsfreien, sich bei jedem Wetter mindestens einmal am Tag den Freuden und Unbilden auf Wiesen, Feldern und Wäldern auszusetzen. 

Siggis Angetraute nennt ihn Draußenbär. Leider sieht er seine Göttergattin nicht sehr oft. Gudrun ist Höhlenbewohnerin und traut sich freiwillig nur ins Freie bei perfekten Wohlfühlwetter, also Raumtemperatur, sonnig, trocken, Windstärke maximal 2. 

So meldet sich Siggi auch alleine für das Naturerlebnis „Schafe mit der Hand scheren und Wolle ernten“ an. Der Titel klingt für ihn im beschaulichen Ahrtal sehr exotisch. Immer auf der Suche nach Herausforderungen, freut er sich über das Abenteuer.

Ein halbes Dutzend Schafe treffen auf ein halbes Dutzend Handschafscherer. Das Besondere: Die dicken Schafe mit ihrer dicken Wolle sollen ohne irgendwelche Hilfsmittel geschoren werden. Dies ist besonders aufwändig, aber auch sehr tierfreundlich, ungewöhnlich, aber möglich. 

Siggis erste Überraschung: die zutraulichen Tiere sind sehr rund und gutgenährt. 

Siggis zweite Überraschung: die Wolle ist sehr sauber und frei von Ungeziefer. Mit dem händischen Fünf-Finger-Rechen den Pelz durchfurchend, gelingt es leicht, haufenweise Wolle in seine Taschen einzutüten.

Mensch und Tier wirken zunehmend entspannt. Alle Fremdheit vor den Tieren fällt ab, obwohl das Stadtkind Siggi bisher lediglich mit seiner geliebten Hauskatze „Mietzi“ vertraut ist. Schaf sein ist für ihn beneidenswert. Als Herdentier ist es wenig aggressiv. Ein Leithammel findet sich immer. Die übrigen Schafe müssen sich keinen Kopf machen. 

Die meisten Menschen wollen hingegen ihren Kopf herausstrecken. Es geht zu wie auf dem Hühnerhof, wobei die Hähne früher tonangebend waren, heute jedoch paritätisch unterwegs sind. 

Da jedoch theoretisch nur wenige Hähne viele Hühnchen glücklich machen können, gibt es einen Überschuss an Gockeln.

Siggi ist glücklich. Wie vertraut, wie unbeschwert ist diese Gemeinschaft von Mensch und Tier. Wie wenig braucht es, um neue Erfahrungen zu sammeln. Andererseits – nichts passiert von alleine. Ein menschliches Schaf muss den Kopf herausstrecken, getrieben von Kreativität und Empathie. Dieser Naturmensch folgt guten Ideen, traut sich und findet Gleichgesinnte.

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