Ich bin eine Frau aus der Schillerstrasse

Juli 28, 2026 | #austausch, #garten, #lesung, #personal, 2026

Diana Ivanova liest ihr Gedicht, entstanden nach den Treffen der Frauen in der Schillerstrasse 2026. Mehr über die Geschichte des Gedichts – am Ende des Textes.

Ich bin eine Frau aus der Schillerstraße.

Ich lebe hier.

Ich bin aus dem Iran.

Aus Bulgarien.

Aus Süddeutschland.

Aus Rumänien.

Aus Italien.

Aus Bad Bodendorf.

Meine Eltern waren immer auf der Flucht.

Mein Vater war Alkoholiker.

Ich bin mit zwei Koffern nach Deutschland gekommen.

Einmal auf einer Reise nach Spanien habe ich entdeckt, dass Frauen durch Ehrenmorde getötet werden… Wussten Sie das? Ich war schockiert.

Ich bin eine Frau aus der Schillerstraße.

In meiner Umgebung sterben jetzt viele Leute.

Mein Mann ist gestorben.

Mein Mann ist krank geworden.

Ich kämpfe mit der Trauer.

Jeden Tag.

In dieser Nacht waren wir zu Hause.

Mein Mann hat mich mit den Worten geweckt „Es ist eine Katastrophe“.

Ich habe gesehen, wie das Wasser kommt.

Ich habe nie mehr darüber gesprochen, auch mit meinem Mann nicht.

Es war wie eine Performance, was da passierte, mit allen Helfern, ein Happening. Wie ein Theaterstück.

Es war so viel Vertrauen da.

Ich habe meine Fotoalben noch nicht angeschaut. Ich brauche Zeit und Ruhe. Vielleicht im Sommer.

Seit 2020 war alles nur schlimm. Eins nach dem anderen.

Ich bin eine Frau aus der Schillerstraße.

Ich habe mehr Angst als früher.

Ich spreche nicht gerne darüber.

Ich bin mit tausend Aufgaben überfordert. Als ob ich nur durch diese Aufgaben einen Wert hätte. Aber wer soll die Aufgaben erfüllen, wenn nicht ich?

Ich glaube an Wunder. Jeden Tag nach der Flut ist ein Wunder passiert. Wir brauchten etwas – und dann war es da. Wieso kann man daran nicht glauben?

Ich bin eine Frau, die jetzt nach einer neuen Ordnung sucht – das Leben und die Liebe sollen im Mittelpunkt stehen.

Ich bin eine Frau, die ein neues Zuhause möchte. Ganz neu. Ganz anders. Das Alte soll einen Platz dort haben.

Ich bin eine Frau, die Angst vor einem neuen Zuhause hat.

Ich bin eine Frau, die ihren Schmuck weiter trägt. Trotz aller schmutzigen Arbeiten. Ich liebe Schmuck.

Ich bin eine Frau, die jetzt erkennt, dass sie heilen kann. Nur durch ihre Präsenz.

Ich bin eine Frau, die denkt: „Es ist egal, ob ich Mann oder Frau bin – ich lebe.“

Ich bin eine Frau, die glaubt, dass Flut und Weiblichkeit nichts miteinander zu tun haben.

Ich bin eine Frau, die glaubt, durch die Flut habe ich meine tiefe Weiblichkeit entdeckt.

Ich bin eine Frau aus der Schillerstraße.

Ich habe Angst und ich glaube an Wunder.

Ich bin Wasser – kann kühlen, überfluten, erschrecken, halten.

Ich bin die Abendsonne.

Ich bin eine Tomate.

Und eine Zinnie.

Und eine Gartenrose.

Zum Gedicht „Ich bin eine Frau aus der Schillerstraße“

Das Gedicht wurde am 12. Juli 2026 im Garten von Margarete Gebauer in Bad Bodendorf uraufgeführt, begleitet von der Cellistin Monika Recker-Johnsson.

Entstanden ist es aus den monatlichen Treffen der Frauen in der Schillerstraße, die seit März 2026 stattfinden. Die Schillerstraße in Bad Bodendorf wurde während der Ahr-Flut 2021 schwer getroffen. Für Margarete Gebauer und mich ist sie Heimat und zugleich ein Ort tiefgreifender Erinnerungen.

Aus dem Wunsch heraus, die Erfahrungen der Frauen sichtbar zu machen und ihnen eine Stimme zu geben, entstand im März 2026 das ehrenamtliche Projekt „Frauen in der Schillerstraße nach der Flut“. Seitdem treffen sich Frauen aus der Nachbarschaft einmal im Monat in geschützter Atmosphäre, um über die Folgen der Flut, ihre persönlichen Erfahrungen und die Herausforderungen des Wiederaufbaus zu sprechen und diese künstlerisch zu verarbeiten.

Aus diesen Begegnungen entwickelte sich eine eindrucksvolle künstlerische Dokumentation. Zeichnungen und Collagen machen persönliche Erfahrungen, Traumata, Hoffnungen und den starken Zusammenhalt der Frauen sichtbar. Die Arbeiten erzählen von Verlust und Neuanfang ebenso wie von Mut, Solidarität und der Kraft, gemeinsam weiterzugehen.

Das Gedicht „Ich bin eine Frau aus der Schillerstraße“ verdichtet meine subjektiven Wahrnehmungen aus diesen Begegnungen zu einer gemeinsamen Stimme. Es ist keine dokumentarische Wiedergabe einzelner Gespräche, sondern eine poetische Annäherung an das Erlebte. Das lyrische Ich vereint Erfahrungen verschiedener Frauen und lässt aus vielen einzelnen Stimmen ein gemeinsames „Ich“ entstehen.

Freude, ein Nachmittag unter Freunden

Freude, ein Nachmittag unter Freunden

Heather Meurer über die Veranstaltung "Die goldenen Zwanziger" und über die goldenen Momente, die wir alle einfangen sollen, jetzt! Das Wetter war uns hold. Golden war der Sonntag. Unter dem Blätterbaldachin uralter Apfelbäume, sonnenlichtgesprenkelt, lau und lauschig...

DAS AHRTAL ERBLÜHT!

DAS AHRTAL ERBLÜHT!

Diana Ivanova stellt das Motto der OFFENEN GÄRTEN 2026 vor. Wie kann das Ahrtal zu einem gemeinsamen, aufblühenden Garten werden? Inspiriert vom Motto des Kultursommers Rheinland-Pfalz – "Die Goldenen Zwanziger“ – blicken wir nicht nur zurück. Wir fragen uns...